Wir müssen reden! Podcasts der Chor- und A-Cappella-Szene

Wir müssen reden! Podcasts der Chor- und A-Cappella-Szene

Chormusik kann man nicht nur machen und hören, man kann auch darüber schreiben – und sprechen! Seit etwa 20 Jahren herrscht ein wachsendes Interesse an Podcasts: Sie gelten als ideales Medium unserer Zeit. Man kann sie problemlos „nebenbei“ hören, auf dem Weg zur Arbeit, beim Spazierengehen, während der Hausarbeit oder zum Einschlafen; wann immer es passt! Die Corona-Pandemie bescherte dem Format einen weiteren Boom, auch in der Vokalszene. Ich habe mich im deutschsprachigen Raum umgehört und möchte einige Podcasts vorstellen, die sich mit Chor- und A-Cappella-Themen im Allgemeinen beschäftigen: Wer steckt hinter diesen Formaten? Und was war der Anreiz, was ist die Vision?

Den Auftakt bildet das wohl langlebigste Radiomagazin (inzwischen im Podcast-Format) der Vokalwelt: Vocals on Air vom Schwäbischen Chorverband. Bereits seit 8 Jahren deckt Vocals on Air eine große Bandbreite vokaler Musik ab – und die Vielfalt der Menschen, die sie machen und lieben. Da geht es um Nachwuchsförderung oder das Singen mit SeniorInnen ebenso, wie um psychologische oder historische Aspekte des Singens. Als Gäste kommen ChorleiterInnen, SängerInnen, ChormanagerInnen, WissenschaftlerInnen und KulturpolitikerInnen zu Wort. Dahinter steckt eine musikbegeisterte junge Redaktion mit musikjournalistischem Hintergrund. „Mit Podcasts erreicht man die persönlichsten, emotionalsten Orte und Momente der Menschen. Zugleich eignet sich das Format hervorragend, um Geschichten zu erzählen“, erklärt Daniela Höfele. Aktuell dreht sich alles um das Motto Kein Leben ohne Musik; für die Zukunft sind die Themen Nachhaltigkeit und Demokratie in Planung.

Emotional berührt hat mich persönlich in der letzten Zeit der Podcast Singet. Anne Winter und Stephan Lutermann (beide Vokalconsort Onsnabrück)beleuchten darin die vielfältigen Facetten der deutschen Chorszene und die führenden Köpfe dahinter. „Die Chorlandschaft in Deutschland hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert; Gospel-, Jazz-, Pop-, Kneipen-, Seniorenchöre schießen wie Pilze aus dem Boden. Trotzdem weiß ‚man‘ wenig voneinander. Die einzelnen Sparten bleiben noch sehr unter sich“, so Winter. Die Grenzregionen der Sparten erforschen, Themen in ungezwungener Atmosphäre beleuchten, in die Tiefe gehen und dabei die Akteure auch von ihrer persönlichen Seite kennenlernen: das schätzt Winter sehr. Sobald die MacherInnen ihre Gäste wieder persönlich treffen können, wird Singet fortgesetzt!

Marina Ragger bietet in ihrem Podcast Chor & Stimme hilfreiche Themen rund um Chorleitung und Chorgesang: Was macht einen schönen Chorklang aus? Wie können wir eine bessere Intonation erreichen? Wie motivieren wir Jugendliche zum Singen? Ragger ist selbst musikalisch vielfältig tätig: Als Referentin für Kirchenmusik in der Diözese Linz sowie als Gründerin von VOCAMUS. „Ich liebe es, Wissen zu teilen und zugänglich zu machen. Meiner Ansicht nach ist das in unserer Branche noch viel zu wenig Usus. Es freut mich einfach riesig, wenn meine Ideen, Tipps und Erfahrungen anderen Menschen helfen können!“ – insbesondere solchen, die sie sonst nie im Leben getroffen hätte.

Simon Erasimus und Sebastian Taschner möchten mit ihrem Podcast sprech:gesang gemeinsames Singen möglichst großformatig betrachten. Beide studieren an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und sind außerdem Teil von Momentum Vocal Music, einem jungen Vokalensemble aus Wien, das professionell konzertiert, aber auch die Musikvermittlung großschreibt. Sie schätzen am Podcast-Format vor allem die aufklärerische Komponente – und sie verspüren als Liebhaber von Chormusik jeglicher Art den Drang, diese Leidenschaft zu teilen und Diskurse voranzutreiben.

Die beiden Chorleiter Robert Schad und Karl Hänsel widmen sich mit ihrem Podcast Extraprobe dem Schwerpunkt Kirchen- und Konzertchorwesen und bauen immer wieder konkrete Tipps für ChorleiterInnen ein. Sie haben sich beim Chorleitungs-Studium in Dresden kennen gelernt und damals schon entdeckt, dass sie sich gerne über Chormusik und Chorleitung austauschen: „Uns kam der Gedanke, dass diese Gespräche vielleicht auch für andere Chorinteressierte Impulse und Anregungen liefern könnten. So verfestigte sich die Idee nach und nach und kam Anfang 2020 endlich zur Umsetzung.“

Musikpädagoge Johannes Rubenz und Redakteur Georg Neugschwandtner spielen in ihrem A cappella Radio (ACR) populäre a cappella Musik querbeet und plaudern mit regionalen Größen wie Max Stadler und internationalen Superstars wie der Real Group. „Das erste Mal live eine Sendung zu bestreiten, war wirklich ein ganz besonderes Gefühl. Ich liebe die Studio-Atmosphäre – mit Jingles, Fader-Start, fetten Studio-Boxen und allem, was sonst noch dazu gehört!“, erzählt Rubenz. „Und dass kommerzielle Interessen oft gar keine Bedeutung haben, macht das Format zusätzlich sympathisch.“

Kreischorleiterin Bettina Scholl – Inhaberin der derzeit brachliegenden Chorkultours-Chorreisen – unterhält sich in ihrem Podcast Chorkultours – Die Chorspezialistin mit ChorleiterInnen, SolistInnen, ArrangeurInnen, ChorvorständInnen, KomponistInnen. Themen sind derzeit der Einfluss der Coronapandemie auf Leben und Wirken der Musiker und deren Prognosen für die Zukunft. Dazu werden auch Projekte vorgestellt, die in der Pandemie entstanden und entstehen. „Nach der Pandemie kann ich mir vorstellen, dass Chorkultours live eine Plattform wird, die im chormusikalischen Rahmen Biografien und spannende Projekte vorstellt“, überlegt Scholl.

Quintense-Sänger Carsten Göpfert spricht in seinem Podcast Carsten Göpfert fragt … mit KünstlerInnen verschiedener Sparten. Ihn interessieren die Menschen hinter den Bühnenfiguren, die Geschichten und Erlebnisse, die seine GesprächspartnerInnen zu den KünstlerInnen gemacht haben, die sie heute sind. „Im besten Fall können die Zuhörer und ich den Interviewten beim Denken zuhören“, erzählt Göpfert. „Außerdem glaube ich, dass ein gutes Interview den Zuhörern und mir die Chance gibt, neue Perspektiven einzunehmen, was ich wahnsinnig wichtig finde.“ Den entscheidenden Anstoß zur Umsetzung des Podcasts gab ein „Denkzeitstipendium“ der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Die beiden Chorleiter David Fritzen und Sebastian Kunz sammeln in ihrem Chorcast Gespräche rund um Chormusik. „Dabei finden wir Themen vom kleinsten Dorfchor genauso spannend wie News von Profis wie dem Rias Kammerchor oder dem Kammerchor Stuttgart, wenn sie uns zum Gespräch über ein bestimmtes Thema inspirieren.“ Bisherige Gesprächsthemen waren z. B. Hygienekonzepte und digitale Arbeitsansätze für Chöre, wissenschaftliche Hintergründe zu Aerosolen und (die fehlende) Unterstützung der Chormusik durch die Politik: Der Chorcast will informieren und zum Gespräch anregen.

Prof. Hans-Christoph Rademann und Chefdramaturg Dr. Henning Bey haben mit Barock@Home eine Mischung aus Konzert, Gespräch und Lesung als Podcast der Internationalen Bachakademie Stuttgart etabliert, der Barockmusik gänzlich anders als im Konzertrahmen erlebbar macht. „Da sich die Bachakademie sowohl der Aufführung von Musik wie auch ihrer Vermittlung verschrieben hat, lag eine Zusammenführung beider Punkte im Rahmen eines Podcasts nahe. Gemeinhin verbindet man ja mit Barockmusik eine prunkvolle, repräsentative Kunst. Wir haben uns vorgenommen, die ‚private Seite‘ der Barockmusik zu zeigen – oft mit klein besetzter, intimer Musik eines Komponisten“, erläutert Bey.

Sound Thinking ist ein Podcast über das Chor- und Ensemblesingen von Julia Reckendrees und Jenni Reineke, zwei Profi-Sängerinnen, die vor allem in der Konzert- und Kammerchorszene in Europa unterwegs sind. Sie liefern Einblicke in diese Welt und lassen die Zuhörenden an ihren Gedanken zu teils kontroversen Themen teilhaben. Die Idee zum Podcast war zunächst ein Scherz am Telefon: „Wir sprechen so viel übers Singen im Chor, übers Unterrichten und die Chorwelt im Allgemeinen – wir sollten einfach mal ein Mikro aufstellen, das mitschneiden und als Podcast veröffentlichen …“

Im Podcast Singen STIMMT! möchte der Chorverband Österreich in Gesprächen das Positive am Singen im Chor national und international verbreiten und die positiven Auswirkungen des gemeinsamen Singens auf das Individuum und die Gesellschaft in den medialen Fokus rücken. „Für mich ist es faszinierend, wie sehr die GesprächspartnerInnen das Singen schätzen und mit welcher Empathie sie die positiven Auswirkungen präsentieren. Diese Interviews machen Lust auf´s Singen!“ berichtet Karl-Gerhard Straßl, Präsident des Chorverband Österreich.

Zahlreiche Podcastfolgen mit interessanten GesprächspartnerInnen. Zuhörende können nicht genug bekommen. Doch was bleibt persönlich bei den MacherInnen hängen? „Ein groovig singender Betzner-Brandt und der unglaublich komische musikalische Werdegang des jungen Jan Schumachers“, erzählt Winter. „Die Erzählung der Sängerin Generose Sehr, wie sie mit ihren Haushaltsgeräten Duette singt“, lacht Ragger. “Wir sind seit unserer Jugend große ‚Real Group‘-Fans. Dass wir dann mit unseren Idolen über eine Stunde plaudern durften, war mit Sicherheit ein großes Highlight!“ schwärmt Rubenz. Die Antwort von Oli Gies bei Chorkultours auf die Frage, wie es ihm in der Pandemie geht: „Unverschämt gut“. Oder zu hören, dass eine Interviewpartnerin bereits mehrere Male einen Umschlag mit Geld von einem anonymen Unterstützer in ihrem Briefkasten vorgefunden hat. Göpfert fasziniert es am meisten, dass der Zuhörende sich sowohl von der Gesprächssituation als auch von geschilderten Geschichten seine eigene Bilderwelt erschaffen kann: „Durch das fehlende Bild, auf dem man meistens eine räumliche Distanz in irgendeiner Form wahrnehmen kann, bekommt man außerdem den Eindruck, dass die Sprecher ganz nah am Ohr und damit an einem selbst sind.“ Reckendrees freut sich durch die Formate auch Podcaster persönlicher kennenzulernen: „Gerade für Sänger ist das toll. Uns sieht man in der Öffentlichkeit ja meistens nur singend. Wir bekommen also selten die Möglichkeit darüber zu sprechen, was uns das Singen und vor allem das Singen im Chor bedeutet.“

Auch der Blick über den deutschsprachigen Tellerrand lohnt enorm: Sei es Choral Chihuahua mit typisch britischem Humor oder der legendäre amerikanische Podcast Mouth-Off. Allerdings wirft der aktuelle Podcast-Boom durchaus die Frage auf, ob es nicht langsam inflationär wird. Sind wir nicht alle schon durch Streamingkonzerte und Onlinechorproben digital überfüttert? Johannes Rubenz bleibt zuversichtlich: „Das Schöne ist: Auch in diesem Meer an Content finden ProduzentInnen und HörerInnen zusammen – Suchmaschine sei Dank!“. Marina Ragger nimmt durchaus eine digitale Übersättigung wahr – allerdings eher bei Splitscreen-Videos und Streaming-Konzerten: „Im Bereich der Online-Fortbildung für ChorleiterInnen und ChorsängerInnen sehe ich durchaus noch Potenzial.“ Corona beschert den Machern zudem auch viele neue Zuhörer. „Viele Leute hatten plötzlich einfach mehr Zeit und haben dann eine Folge nach der anderen gehört. Diesen Zuspruch hätten wir in diesem hohen Maße ohne Corona sicher nicht so schnell gehabt“, konstatiert Anne Winter. Für Carsten Göpfert hat das Überangebot auch Vorteile: „Ausdifferenzierung und Qualitätsdruck.“

So sehr ich das Medium Podcast schätze, so sehr bin ich manchmal angesichts der zur Auswahl stehenden Masse an Angeboten völlig überfordert. Wie gut, dass die Vokalszene so groß und bunt ist – somit muss kein Podcast um seine Zuhörenden bangen, und jeder kann sich sein Lieblingsprogramm zusammenstellen.

Artikel geschrieben von Nina Ruckhaber für die Chorzeit – Das Vokalmagazin, Ausgabe Juni 2021
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