Tine Fris im Interview Aarhus Vocal Festival

<span>Tine Fris im Interview</span> Aarhus Vocal Festival

Das Aarhus Vocal Festival ist das größte Vokalfestival des Nordens. Organisatorin Tine Fris über Familienatmosphäre und fehlende Berührungsängste zwischen TeilnehmerInnen und KünstlerInnen

Es ist kaum zu fassen, was die DänInnen um den künstlerischen Leiter Jens Johansen alle zwei Jahre beim Aarhus Vocal Festival (AAVF) auf die Beine stellen. Vokal-EnthusiastInnen und erfolgreiche KünstlerInnen der Chor- und A-cappella-Szene geben sich in Aarhus in zahlreichen Konzerten, über 50 Workshops und zwei Wettbewerben fünf Tage lang die Klinke in die Hand – ein großes Familienfest der europäischen und inzwischen auch außereuropäischen Vokalszene.

Tine, was war die Gründungsidee für das AAVF, das es seit 2006 gibt? Es gibt diese Geschichte, dass die Idee für das Festival daraus entstand, dass Thue Thesbjerg seine Freunde Jens Johansen, Jim Daus Hjernoe und Henrik Birk vermisste und nach einer Möglichkeit suchte, etwas mit ihnen zusammen aufzuziehen, um mehr Zeit miteinander verbringen zu können. Der Gedanke gefällt mir, dass das Festival aus dem Wunsch heraus entstand, mit Freunden zusammenzukommen. Bis heute ist neben den Konzerten und den Workshops gerade der soziale Aspekt, das Beisammensein, für das AAVF ganz prägend.

Was ist deine Rolle beim AAVF? Jens Johansen ist der Musikalische Leiter und Präsident, ich habe in diesem Jahr als Vizepräsidentin und Projektleiterin die Organisationsstruktur entwickelt und den Prozess geleitet, Aufgaben delegiert, den Fortgang der Dinge im Auge behalten und ausgeholfen, wo nötig. Außerdem habe ich Workshops gegeben und mit Vocal Line, Postyr und Lyt auf der Bühne gestanden.

Wie seid ihr organisiert? Die künstlerischen Entscheidungen trifft ein Vorstand aus fünf regulären Mitgliedern und zwei Nachrückern. Unterhalb gibt es dann die „bubbles“, Arbeitsgruppen mit definierten Aufgaben: Technik, Finanzen, Programm und so weiter. Als Projektleiterin bin ich die Schnittstelle zwischen den „Blasen“ und dem Vorstand. In den Tagen unmittelbar vor, während und nach dem Festival setzen die vielen Freiwilligen all das um, was in den „Blasen“ erarbeitet und vom Vorstand beschlossen wurde. Aber am zweijährigen Planungsprozess sind eigentlich nur etwa zwölf Leute beteiligt.

Wie erklärst du dir die internationale Strahlkraft eures Festivals? Das AAVF konzentriert sich auf einen ganz begrenzten Ort und auf wenige Tage, die die Besucher dann von morgens bis abends miteinander verbringen. Vielleicht ist das tatsachlich etwas sehr Dänisches, was man bei uns zum Beispiel auch an Hochschulen findet: morgens gemeinsam singen, dann in Gruppen lernen, mittags zusammen essen, nachmittags wieder lernen – und abends etwas Inspirierendes zusammen erleben, wie beispielsweise ein Konzert. Außerdem ist für das AAVF charakteristisch, dass man die Künstler, die abends auf der Bühne stehen, tagsüber in Workshops erleben kann, als Dozenten oder auch als Teilnehmer. Das heißt der Künstler ist nicht nur das ferne Wesen im Rampenlicht, sondern auch ein ganz normaler Mensch, der sein Wissen mit dem Besucher teilt oder mit allen zusammen etwas lernt.

Auf keinem anderen Festival, das ich kenne, begegnet man so selbstverständlich zum Beispiel den New York Voices als Teilnehmer eines, sagen wir, Obertongesang-Workshops … Ja, hier herrscht diese Grundstimmung, dass wir alle zusammen auf der gleichen Straße unterwegs sind – und einige sind auf diesem Weg schon sehr, sehr weit gekommen, während andere vielleicht gerade erst losgegangen sind. Manche sind Profis, viele sind sehr glücklich als Amateure – aber alle lieben es zu singen! Und zu guter Letzt verfolgen wir als Veranstalter keine wirtschaftlichen Ziele: Wir wollen kein Geld verdienen, nichts promoten. Wir machen dieses Festival tatsachlich, weil wir sehr gern genau dieses Festival machen mochten!

Welche Rolle spielt in diesem Kontext der Wettbewerb? Er trägt insofern zur besonderen Stimmung bei, als er überwiegend junge Gruppen zum Festival zieht: kleine Gruppen von Menschen, die gut zusammen singen und auf andere Gruppen von Sängern treffen. Daraus entsteht eine ganz andere Dynamik, als wenn viele einzelne Menschen aufeinandertreffen wurden.

Was bedeutet das Festival für die Stadt Aarhus? Wie erreicht ihr die Menschen hier in der Stadt? Vor zwei Jahren habe ich das Festival nicht auf Anhieb gefunden und mich in der Touristeninformation erkundigt – dort hatte man keine Ahnung, wovon ich spreche. Das Konservatorium und die Universität Aarhus sind durchaus einbezogen. Viele Studierende nehmen teil, immer wieder gibt es Studierenden- Ensembles in den Wettbewerben und etliche unserer Freiwilligen rekrutieren sich aus den Hochschulen der Stadt. In Aarhus gibt es unglaublich viele Chore und wir haben schon auch Festivalbesucher aus der Stadt – wenn auch vielleicht nicht so viele, wie man erwarten wurde. Andererseits war das AAVF in diesem Jahr nicht das einzige Chor-Event am Pfingstwochenende in Aarhus. Es ist immer wieder eine Herausforderung, mit PR und Pressearbeit die öffentliche Wahrnehmung wirklich zu erreichen.

Wird das AAVF eigentlich öffentlich gefördert? Ja, sowohl von der Stadt Aarhus als auch durch den staatlichen „Arts Council“. Darüber hinaus erhalten wir unter anderem Mittel vom Dänischen Chorverband und der Dänischen Chorjugend.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Acts und die Wettbewerbsteilnehmer aus? Für die letzten drei Festivals gab es jeweils ein Thema: „Vocal Innovationtion“, „Around the World“ und in diesem Jahr „Crossing Borders“. Das hat sich als sehr inspirierend und hilfreich erwiesen, da die Auswahl der Konzerte dadurch weniger willkürlich, weniger zufällig oder nur von den eigenen Vorlieben bestimmt war. Wenn das Thema zum Beispiel „Around the World“ heißt, kannst du nicht nur europäische Gruppen einladen. Dieses Mal haben wir mit einem Brainstorming begonnen: Was ist eigentlich „Crossover“? Was bedeutet das unter den unterschiedlichsten Genre-Gesichtspunkten wie etwa Klassik oder Pop oder Jazz, Männer- oder Frauen-Ensembles, alte oder junge Sanger, improvisierte oder komponierte Musik, mit oder ohne Texte, lustig oder ernst, betont rhythmisch, eher harmonisch oder vor allem melodisch? Was kann es bedeuten, Grenzen zu überschreiten? Geht es um eine Bewegung von einem Ort zu einem anderen, vielleicht eine Heimkehr nach einem inspirierenden Aufenthalt jenseits irgendeiner Grenze? Man gerat da schnell in philosophische Überlegungen. Am Ende des Prozesses stand dann das Programm mit diesem sehr besonderen und im besten Sinne künstlerischen Abschlusskonzert.

Ein phänomenales Konzert! Viele, denen ich davon erzählt habe, konnten nicht recht glauben, dass dabei über Echtzeit-Übertragungen mit Künstlern aus aller Welt musiziert wurde. Für mich war das Wunderbare an diesem Abend, dass alles zusammenkam, was ein wirklich gutes Konzert ausmacht: Sowohl bei Postyr als auch bei Vocal Line legen wir sehr viel Wert darauf, mit unseren Songs oder Arrangements Geschichten zu erzählen, wahrhaftige Geschichten vom echten Leben, mit all seiner Schönheit, mit all seinen Zusammenbrüchen – und allem dazwischen. Wenn das gelingt, kann vokale Popmusik genauso ernsthaft, bewegend und wundervoll sein, wie andere Vokalmusik auch. Sie kann unterhalten, aber eben auch jene Saiten im Zuhörer zum Schwingen bringen, die mit bloßen Worten nicht erreichbar sind. Und an diesem Abend hatte ich das Gefühl, dass sich ganz viele Menschen im Publikum mit uns auf diese Art verbunden fühlten – für mich letztlich der Beweis, dass diese besondere Qualitat nicht nur mit klassischer Musik zum Beispiel von Brahms erreichbar ist, sondern auch mit „jüngerer“ Musik, auch mit Popmusik.

www.aavf.dk

Die Sängerin Tine Fris aus Dänemark ist vor allem für ihre Arrangements für den Popchor Vocal Line und ihre Kompositionen für die Vocal Band Postyr bekannt. Sie studierte an der dänischen Royal Academy of Music, wo sie unter anderem im Beisein der dänischen Königin auftrat. Seit über zehn Jahren unterrichtet sie SolistInnen, Chöre und Vokalensembles auf Amateur- und Profiniveau mit dem Fokus auf Gesang und Performance.

Artikel von Nina Ruckhaber für die Chorzeit, Ausgabe 09/2017

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Kommentare sind geschlossen.