Vocal Jazz aus New York

Vocal Jazz aus New York

Es war vermutlich das musikalische Highlight für alle Fans des mehrstimmigen Vocal Jazz in Deutschland: Ein einwöchiges Camp im August 2019 mit den New York Voices in der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf. Das Ensemble, bestehend aus vier Jazzsängerinnen- und Sängern und einem Instrumental-Trio, agiert seit über 30 Jahren an der Weltspitze. Und 75 herrlich bunt gemischte Teilnehmer aus der deutschen und internationalen Chorszene hatten sich angemeldet: Chorsänger, Chorleiter, Musikstudierende und Solisten.

Das Arbeitspensum in dieser Woche übertrifft alles, was ich jemals bei Chorfestivals oder Workshops erlebt habe. Ab 8:30 Uhr reihen sich die unterschiedlichsten Angebote bis in die Abendstunden aneinander: Einzel-Sessions oder Masterclasses bei den einzelnen „Voices“, Coachings zu Interpretation oder Improvisation, Singen in der täglichen „Performance Hour“ oder als Teil eines Camp-Ensembles mit Einzelmikrofonierung. Außerdem gibt es eine Frage & Antwort-Stunde mit den New York Voices sowie ein „Side by Side“-Singen, bei welchem je ein Camper zusammen mit einem Mitglied der New York Voices singt. Das Dozententeam wird durch jährlich wechselnde Gäste ergänzt.

Team der Dozenten und Musiker

„Bei unseren Camps gibt es keine Teilnahmevoraussetzung und keine Castings, das regelt sich irgendwie meist von selbst“, erzählt Darmon Meader, Tenor und musikalischer Kopf der NYV. „Wir sind immer sehr beeindruckt davon, wie interessiert die Camper sind. Wir ermutigen bewusst auch Anfänger zur Teilnahme, erwarten jedoch, dass alle gut vorbereitet ankommen. Jeder bekommt vorab drei Chor-Arrangements zum Üben, damit beim Probenstart keine Noten mehr gelernt werden müssen; dafür reicht die Zeit nicht. Zusätzlich sollen zwei frei gewählte Solostücke vorbereitet werden.“

Die Jazzsängerin Anne Czichowsky aus Stuttgart – Dozentin, Kursleiterin und Hauptorganisatorin des Camps – hatte sich in den vergangenen zwei Jahren für die Woche mit den New York Voices stark gemacht. „Nachdem ich Anfang der 2000er mehrmals an den von Frank Sikora in Inzigkofen organisierten Vokalkursen teilgenommen hatte, wollte ich unbedingt wieder ein europäisches Vocal Camp der New York Voices in Süddeutschland ermöglichen – alle Vier sind großartige Lehrer! Mit der Bayerischen Musikakademie als Partner und der großartigen Mithilfe des Landesjugendjazzorchesters Bayern hatten wir nun ein unschlagbares Dreamteam. Auch als Hochschuldozentin ist es mir ein Anliegen, solche Kurse für meine Studierenden zugänglich zu machen.“

Darmon Meader im Unterricht

In Amerika finden ähnliche Camps schon seit über 10 Jahren statt – mit einer etwas anderen Zielgruppe als in Europa: In den USA gibt es sehr aktive Chor- und Jazz-Programme an den High Schools. Viele sind also schon als 16- bis 18-jährige im Vocal Jazz aktiv. In Marktoberdorf sind die jüngsten Camper eher im Studentenalter und es nehmen viele semiprofessionelle und professionelle Sänger und Lehrer teil, insgesamt sind wir also eine eher erwachsene Gruppe. “In Europa suchen viele Teilnehmer gezielt den Input; das schätzen wir sehr!“, erzählt Meader. „Es herrscht eine sehr positive und unterstützende Atmosphäre. Neben allen musikalischen Zielen ist es unser persönliches Anliegen, eine sichere Umgebung zu schaffen, in der sich die Leute ausprobieren können.“

Lauren Kinhan im Unterricht

An nahezu allen Abenden des Camps fanden Konzerte statt: An zwei Abenden Solokonzerte der Camper, außerdem die New York Voices in diversen Settings: mal als Gruppe mit Band, mal Solo mit weiteren Dozenten oder mit dem Landesjugendjazzorchester Bayern. Und dabei sticht eines sehr deutlich hervor: Die Vier singen so authentisch, wie ich es bisher noch bei keiner anderen Gruppe erlebt habe. Sie stecken voll und ganz in der Musik. „Du musst wirklich daran glauben, was du singst. Behalte dir die Liebe zu dem, was du gerade tust. Es ist wichtig, dass man Emotionen in seine Arbeit investiert“, erklärt Lauren Kinhan, Altistin der Band. Das Publikum spürt diese Liebe zu ihrem Handwerk. „Es ist immer die Suche nach einem tieferen Sinn, einer tieferen Verbindung dieser Arbeit mit dem Leben an sich. Und so entsteht diese Authentizität, die auch über den Bühnenrand hinauswirkt. Wir versuchen unsere Konzerte zu einer emotionalen, zu einer verbindenden Erfahrung zu machen. Darum schenken wir den Texten und Geschichten der Songs immer eine große Aufmerksamkeit.“ Das Verständnis der Musik zu vertiefen, sie ehrlich und aufrichtig zu präsentieren – genau dies verlangen sie auch immer wieder von uns Campern.

Doch wie arbeitet man an genau diesem Punkt mit Chören und Ensembles? „Da gehen wir schrittweise vor. Wir beginnen mit den Grundlagen: Blending, Farben, Rhythmus, Dynamik, Artikulation und bewegen uns immer weiter, bis wir zu den textlichen Feinheiten kommen: Wer hat den Song gesungen, wovon handelt er? Ist es ein fröhlicher oder trauriger Song?“, erklärt Kinhan. Und: Sie und ihre Kollegen betrachten jede Stimme eines Arrangements als Melodie. „Egal wer tatsächlich die Melodie singt: Er oder sie ist nicht der wichtigste Teil im Gesamtklang. Wir achten sehr darauf, dass jeder seine Stimme als Linie begreift und sie bewusst singt.“ Auch darüber sprechen sie mit Chören.

Kim Nazarian beim Side-by-Side-Singen mit einer Teilnehmerin

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Arbeit mit großen Ensembles ist die Beachtung der „Chorperspektive“: Wenn z. B. ein Text zum Swingen gebracht werden soll, darf der Chor nicht so stark an den Vokalen orientiert sein, wie das in einem klassischen Chor der Fall wäre. Das Ziel ist dabei die perfekte Balance zwischen zwei etwas widersprüchlichen Gedanken: Klingen wie ein Teil vom Count Basie Orchestra – und dabei eine Geschichte erzählen! Als würde man zusammen Abendessen und sich unterhalten. Und: Jeder Chor hat seinen eigenen Sound. Diesen Sound zu entdecken ist ein weiteres Ziel der Coaches.

Beim Unterrichten bringen sie natürlich ihre ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten mit ein. Die Camper profitieren von ihren Erfahrungen. „Kim ist total feurig und intensiv, Darmon ist eher analytischer und unterrichtet Arrangieren und die Mathematik der Musik, Peter arbeitet am Text – und bringt jeden zum Lachen!“, erzählen die Vier. Aber sie alle teilen ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Stärken eines Jeden erkunden und fördern. Beim Unterrichten geht es niemals um die New York Voices, es geht immer um die Teilnehmer. Sie arbeiten vor allem ermutigend, versuchen dabei jedoch nicht zu freundlich oder gar überschwänglich zu sein. „Wir versuchen, die Leute zum Funktionieren zu bringen – und wir lernen ja jedes Mal auch von unseren Studierenden: Man muss ihnen ins Gesicht schauen, ihre Reaktionen erspüren. Und dann darauf wieder reagieren. Da ist ein gutes Reaktionsvermögen gefragt, wie beim Improvisieren. Am Ende der Woche eines solchen Camps sind wir total ausgepowert, aber auf eine gute Art! Wir haben dann sehr viel Energie investiert, aber auch so tolle Energie von den Studierenden zurückbekommen und gesehen, wie sie wachsen. Manchmal erinnert es daran, ein Kind großzuziehen: Fieber messen und versuchen herauszufinden, was das Beste für sie ist“, berichtet Kim Nazarian, Sopranistin der Band.

Die Musik der New York Voices ist geprägt vom instrumentalen Einfluss. „Wir singen ab und zu auch mal a cappella, aber das ist nicht unser Fokus. Aber in Deutschland sind wir in dieser populären Szene platziert; da kennt man uns. Wenn man uns zu den Gesangsjazzquartetten mit Trio steckt, dann gibt es dort außer Manhatten Transfer kaum noch andere Vertreter. Wir fühlen uns also eher wie ein Cousin von A Cappella“, so Meader. „Irgendwie wie ein unehelicher Cousin oder eben ein entfernter Verwandter – versteckt auf dem Dachboden“, ergänzt lachend Peter Eldridge, Bass der New York Voices.

„Es fühlt sich so gut an, etwas an eine Branche und ein Genre zurückzugeben, die uns seit 30 Jahren mit positiver Energie so wohlwollend aufnehmen“, so Nazarian. „Unsere Mission ist es, Vocal Jazz am Leben zu erhalten.“ Ja – und genau das haben sie mit diesem Camp erfolgreich getan! Und deshalb geht es vom 23. bis 29.8.2020 bereits in die 2. Runde mit den New York Voices in Marktoberdorf. Und dazu kann ich vermelden: Die Deutsche Chorjugend wird für dieses Camp ein Stipendium für Teilnehmer bis 27 Jahre ausschreiben!

Im Innenhof der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf

Teilnehmerstimmen aus der Chorszene zum Camp

Darmon Meader

Martin Seiler, Chorleiter von Greg is Back (Augsburg)
Die NYV sagen zwar alle, dass sie keine Chorleiter sind, aber ich finde, sie haben ihre ganz eigene Art, eine Mission geradezu, ihre Songs umzusetzen, die sehr zielführend ist. Kim Nazarian z. B. hat eine klare Vision, wie ein Song klingen soll. Und sie setzt diese Vision unbedingt um – und dabei geht’s natürlich nie um Schlagtechnik oder irgendwelche technischen Dinge, sondern wie das Ding klingen muss. Da kann man sich viel abgucken. Und einfach mal einen New-York-Voices-Song neben einem NYV stehend zu singen ist schon eine Erfahrung, die man auf diesem Niveau sonst wohl nicht so oft macht.

Charlène Thomas, Sängerin bei Vivid Voices (Hannover)
Ich glaube, Chorleiter sollten hierher fahren, um die Energie zu schnuppern, die die NYV uns vermittelt haben. Denn nichts ist schwieriger als ein Chorleiter, der sich nicht genug bewegt oder mit der Musik mitgeht. Ich finde, man kann von diesen vier Menschen unheimlich viel über Leidenschaft, Groove und Verkörperung der Musik lernen: Wir singen nicht einfach nur das Material, sondern wir sind das Material. Schon daher finde ich, dass es wirklich unheimlich wertvoll ist, dieses Camp zu besuchen. Die Erfahrung, hier in den kleineren Ensembles zu singen, ist zudem total gut. Wir haben hier gelernt, trotz der komplexen Arrangements die Ruhe zu bewahren und zentriert zu bleiben.

Peter Eldridge

David Brooke, Sänger im Jazzchor Freiburg
Bei diesem Camp lernt man Musik und Jazz aus so vielen verschiedenen Perspektiven kennen: die Arrangement-Aspekte, Improvisations- und Soloaspekte. Natürlich wird man auch als Chorsänger manchmal ein Solo singen, aber hier lernt man die Musik ganz anders verstehen – und eine Ensembleklasse, in der Chorarbeit geleistet wird, gibt es außerdem. Es war ein super gutes Ensemble, in dem wir hier singen durften; dieses Erlebnis will ich nicht missen. Auch die Zusammenarbeit mit so professionellen Musikern in der Band war eine unglaubliche Gelegenheit. Aus Sicht eines Musikers und eines Chorsängers konnte man super viel Verschiedenes mitnehmen.

Anne Czichowsky im Konzert mit den New York Voices im Modeon Marktoberdorf

Anna Brandt, Sängerin bei BAZAM (Berlin)
Das interessante in der Vocal Band, im Vergleich zum Chor, ist ja eigentlich, dass du beides hast: Du hast zum einen das Ensemble-Singen, zum anderen solierst du auch viel. Und hier wird beides bedient: Du hast die One-on-Ones und dergleichen, um dich als Solist weiterzuentwickeln, und auf der anderen Seite machst du auch viel Ensemblearbeit mit den vier Coaches. Darüber hinaus waren für mich auch speziell solche Themen wie Advanced Arranging interessant, weil man in einer Vocal Band eben häufig vieles selber macht und nicht unbedingt einen Chorleiter hat, dem man alles aufbürden kann – sei es jetzt Booking oder Arranging oder auch die Warm Ups oder dergleichen.

Felicitas Ammer, Sängerin bei Pop-Up (Detmold)
Eine richtig coole Stimmbildung schadet an sich nie. Ich fand zudem das Ensemblesingen total hilfreich. Es ist einfach cool, mal in einem anderen Ensemble mit anderen Leuten zu singen. Am meisten habe ich das Gefühl, dass man wirklichen Swing nur von den absoluten Profis lernen kann, also so wie hier. Das habe ich in meinem Leben noch nicht oft erfahren, und das ist einfach ein anderes Feeling.

Kim Nazarian im Camp-T-Shirt

Artikel geschrieben von Nina Ruckhaber für die Chorzeit 12/2019
Artikel als Print-Version
Fotocredits: Bayerisches Jazzinstitut und Nina Ruckhaber

–> Website New York Voices
–> Infos zum NYV Vocal Jazz Camp 2020

—>> ENGLISH VERSION of the article <<—-

Nina & New York Voices