CD-Rezension MAYBEBOP ziel:los!

<span>CD-Rezension</span> MAYBEBOP ziel:los!

Es ist vollbracht: Die musikalisch führende dt. Vocalband MAYBEBOP legt mit ziel:los! ihr 18. Studioalbum vor – und überzeugt mit 16 Songs von enormer musikalischer sowie textlicher Bandbreite: Eine verehrte Klavierlehrerin im 30er-Jahre-Comedian-Harmonists-Stil mit gekonnt eingearbeiteten musikalischen Zitaten, ein bebeatboxtes Ave Maria von Bach/Gounod, ein (phrygischer!) Raggamuffin über das Backen von Muffins (im Ursprung von Poetry Slammer Sven Kamin). Auch ein Volkslied darf nicht fehlen: Im Quodlibet mit einem Song in Suaheli wird Kein schöner Land – von Gies neu betextet – zur Weltmusik. Beim Sejeln jehn darf Lukas Teske mit seinem Berliner Dialekt glänzen, das bluesig-rockig daherkommende Gegen die Natur bietet dem Vertretungs-Bass Christoph Hiller eine wunderbare Gelegenheit, seine solistischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Mit der „Elektro“-Nummer Algorhythmus findet sich auch auf dieser CD wieder eine musikalische Zusammenarbeit mit William Wahl, dem Arrangeur und Sänger von basta. Besonders berührend: Der emotionale Blick auf das Heranwachsen der eigenen Kinder (In deiner Tür) sowie eine sehr einfühlsame Nummer über Demenz – Oliver Gies findet auch für dieses schwierige Thema den passenden Ton. Mein persönlicher Favorit: Maybebop macht einen Abstecher in den Barbershop und weist ganz nebenbei auf die etwas peinlichen Gemeinsamkeiten der Namensgebung von Friseursalons und Chören hin. Sensationell!

Mit Die Kreation hat sich Gies ein weiteres Denkmal gesetzt: Eine sich durch die Tonarten hochschraubende Schöpfungsgeschichte der Hybris des Menschen mit 7-taktiger Strophenform, episch und düster. Und hier liegt vielleicht ein Charakteristikum dieses von Lukas Teske tadellos gemischten und produzierten Albums: Viele der Songtexte zeugen von klarer Haltung, einige fordern ganz unverblümt Haltung beim Hörer ein, andere kritisieren stumpfe Biologismen oder machen sich über Helikopter-Eltern lustig.

Umrahmt ist die CD von zwei straighten Popnummen, und bereits die ersten Klänge rufen dazu auf, Stellung zu beziehen, Zivilcourage zu zeigen und keinen Hass zu akzeptieren. Mit dem Titelsong wiederum endet das Album, und die Vier demonstrieren noch mal ihr ganzes musikalisches Können, ihre klangliche Homogenität, ihre rhythmische und dynamische Präzision. Solange Maybebop auf diesem Niveau und ganz offensichtlich frei von jeglichen Ermüdungserscheinungen agiert, bleiben sie weiterhin klarer Vorreiter – welchen Genres doch gleich? Der Pressetext gibt Aufschluss: „MAYBEBOP macht übrigens a cappella. Das ist aber eigentlich auch egal.“

Label: Ellenberger (Rough Trade)
57:35 min

www.maybebop.de

CD-Rezension geschrieben für die Chorzeit – Das Vokalmagazin (Ausgabe 9 / 2019)