Bodypercussion im Choralltag Klatschen 2.0

<span>Bodypercussion im Choralltag</span> Klatschen 2.0
Der Berliner Perkussionist Gabriel Hahn gibt Workshops zu Bodypercussion

Immer mehr Chöre entdecken Bodypercussion für sich. Ein Überblick über die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des rhythmischen Gestaltungselements.

Dass das Betrommeln und Beklopfen des eigenen Körpers guttun kann, wissen alle, die sich ab und an eine Massage gönnen – oder aber beim Einsingen in der Chorprobe den ganzen Körper zur Aktivierung von oben bis unten abklopfen. Diese körperliche Betätigung hat sich längst zu einer eigenständigen musikalischen, körperlichen Ausdrucksform entwickelt. Body Percussion ist schon seit geraumer Zeit in zahlreichen Varianten auf der ganzen Welt anzutreffen, gerade der Bereich der Fußpercussion ist vielfältig vertreten: „Clogging“ in Irland/Kanada, „Jazz-Tap“ in den USA, der spanische Flamenco „Zapateado“, „Khatak“ in Indien oder die „Gum-Boot“-Tänze in Südafrika haben ihren Ursprung offenbar im zutiefst menschlichen Bedürfnis, Musik und insbesondere Rhythmus mit Bewegungsmustern und Körperklang-Möglichkeiten (samt der Stimme) körperlich zu erfahren.

Beobachtungen in vielen Kulturen haben zudem gezeigt, dass Musik und Rhythmus ganz wesentlich durch Klanggesten, also durch gezielten Körpereinsatz vermittelt werden und nicht nur durch das reine Hören von Musik. Da Rhythmus und rhythmuspädagogische Songs in den letzten Jahren mehr und mehr in den Fokus der Chorszene gerückt sind, liegt der Gedanke nahe, dieses rhythmusvermittelnde Potenzial von Body Percussion nutzbar zu machen.

Wichtigste Optionen: Klatschen, Klopfen und Stampfen

Doch was ist Body Percussion genau? Als Body Percussion bezeichnet man die Klangerzeugung mit dem eigenen Körper unter Zuhilfenahme von Händen, Füßen, Fingern und dem Mund. Die wichtigsten Klangerzeugungsmöglichkeiten sind das Klatschen mit den Händen, das Klopfen mit den Händen auf anderen Körperteilen und das Stampfen mit den Füßen. Durch Veränderung der Handform wird jeweils der Klang verändert. Geräusche mit dem Mund (Zungeschnalzen, Zähneklappern, Lippenploppen) sowie Fingerschnippen sind weitere Body-Percussion-Klänge. Die Lautstärken dieser einzelnen Klänge sind sehr unterschiedlich, dabei aber nicht allzu variabel. Wird zusätzlich auch die Stimme verwendet, spricht man von Body Music.

Der österreichische Musiker und Autor Richard Filz unterscheidet in seinen Publikationen die Hauptklänge Klatschen, Patschen, Stampfen, Schnipsen und Händereiben:Das Klatschen ist unsere lauteste Handgeste mit variablem Klang, üblicherweise sind beide Hände und Arme gleichzeitig beteiligt. Klatschen kann von grobmotorischen Bewegungen zu raffinierteren Klatsch-Bewegungen und -Klängen führen.

  • Als Patschen wird das Betrommeln des Körpers, das Auftreffen der Handflächen auf Bauch, Brustkorb, Oberschenkel oder andere geeignete Körperteile bezeichnet. Patschübungen sind deswegen immer auch Trommelübungen: Das Schlagtempo muss konstant gehalten werden, die Schlagfolgen und Handhaltungen müssen klar sein und geübt werden.
  • Stampfen ist das Trommeln der Füße auf dem Boden. Es klingt also nicht der Körper, sondern der Boden; dennoch ist keine andere Rhythmusbewegung so deutlich im ganzen Körper zu spüren wie ein Stampfen. Bei seitlich abwechselndem, gleichmäßigem Stampfen entsteht eine schwingende Pendel-Bewegung, die für viele Chöre eine zuverlässige Metrum-Hilfe darstellt. Der Klang variiert je nach Schuhwerk und Untergrund.
  • Sein einzigartiger Klang zeichnet das Schnipsen aus; auch wenn der Schnipser selbst eine kleine Bewegung und ein leiser Klang ist, kann er mit einer großen Bewegungsdynamik verbunden werden.
  • Das Händereiben kann über mehrere Schläge oder Takte gehalten werden und erinnert an einen Jazzbesen auf einer Snare. Exaktheit und Lockerheit sind hier besonders schwer zu erreichen.

Und wo findet Body Percussion in der Chorszene ihren Einsatz? Da ich selbst bisher keine praktischen Erfahrungen mit Body Percussion im Chor-Kontext gesammelt habe, hörte ich mich erstmal auf Facebook um – und war erstaunt über die Bandbreite der Rückmeldungen: „Ich muss zugeben, dass ich das Wort erst einmal googeln musste. Nein, in den mir bekannten Chören in der niedersächsischen Tiefebene ist mir die Anwendung nicht bekannt“, so Carsten Böger. Regina Pfeiffer: „Manche finden’s witzig, andere sind überfordert. Nur in gut dosierten Sequenzen zu empfehlen.“ Kerstin Haag hingegen: „In unserem Weltmusik-Frauenchor gibt es keine Probe ohne Bodypercussion. Zum Teil erarbeiten wir uns krumme Rhythmen damit, generell bekommen so alle ein gemeinsames Gefühl für den Groove, es hebt die Konzentration nach einem langen Arbeitstag. Außerdem gibt es dabei immer was zu lachen.“

In Popchören ist der Einsatz von Body Percussion bei Warm-Ups sehr verbreitet, da es eine lebendige und spaßbetonte Art ist, sich mit Rhythmus zu beschäftigen. Ein ganzes Chorkonzert mit Body Percussion zu gestalten ist eher mühsam und klanglich nicht allzu abwechslungsreich. Deshalb wird Body Percussion in der Chorszene eher im Einsingen, in der Probenarbeit und als auflockerndes Element eines Konzertprogramms eingesetzt.

Regelmäßige Körperarbeit verbessert Motorik

Groovit (Foto: Ben Drücker)

Die Chorleiterin Gabriele Hartung hat 2014 den Bremer A-Cappella-Chor Groovit ins Leben gerufen, mit dem sie sich bewusst und intensiv mit Body Percussion beschäftigt; komplette Body-Percussion-Stücke sind fester Bestandteil des Konzertprogramms. Sie stellt einen positiven Lernprozess über die Jahre fest: Durch die regelmäßige Körperarbeit verbessert sich die motorische Koordination der Choristen. „Es durchdringt sich gegenseitig, Rhythmus ist ein sehr wichtiger Parameter in der Popmusik. Und zudem kommt es bei Auftritten unheimlich gut an. Nach Konzerten kommen regelmäßig Zuschauer auf uns zu und bewundern unsere Kombination von Body Percussion und Chormusik“, erzählt Gabriele Hartung.

Das Vokal-Sextett Slixs hat sich ebenso bereits intensiv mit Bodypercussion auseinandergesetzt. „Dies mussten wir recht intensiv proben, bis sie uns in Fleisch und Blut überging. Aber gelohnt hat es sich allemal“, so Michael Eimann. Slixs arbeiten auch häufiger in Workshops mit Chören an Body Percussion. Hier tasten sie sich erst einmal ganz einfach mit Schnipsen, Stampfen und Klatschen heran. Anschließend suchen sie sich ein rhythmisches Pattern und versuchen, alle Werte und Akzente mit einem adäquaten Schlag auf den Körper zu belegen. Das kann sehr einfach sein und möglicherweise erst durch die Kombination zweier unterschiedlicher Gruppen komplexer werden.

Wenn es die Zeit erlaubt, können weitere Körperteile zum Einsatz kommen. Das erfordert zunächst mehr Konzentration auf die Bewegung, bevor sie sich irgendwann verselbstständigt. „Dann ist man nämlich auf der komfortablen Ebene, dass die Bodypercussion einfach so mitläuft, ohne dass man ständig darüber nachdenken müsste“, erkennt Michael Eimann als Vorteil. „Dennoch sollte man bei der Choreografie im Live-Einsatz die Ambitionen nicht zu hochfliegen lassen. Schnell kann es den Umkehr-Effekt haben, dass die Body Percussion ein ständiger Angstgegner des Chores wird. Jedoch gut dosiert eingesetzt belohnt Body Percussion jeden Chor mit einem fantastischen Spaß.“

Unerforschtes Feld: Bodypercussion als Performance

Der Berliner Perkussionist Gabriel Hahn gibt Kurse zu Body Percussion in der Tanzfabrik in Kreuzberg, so vor kurzem auch mit dem Projekt „ChorKlangBezirk“: Die Choristen sollen Groove und Puls am und im eigenen Körper spüren, dann Patterns untereinander verzahnen und so die Gehirnhälften miteinander vernetzen. Hahns Hauptaugenmerk liegt darin, den Rhythmus, der bei Sängern oft am Kehlkopf Halt macht, tiefer in den Körper wandern zu lassen. „Man darf nicht beachten, wie man dabei aussieht. Body Percussion ist ein wichtiger Schritt, um den Puls im Körper zu spüren.“ Body Percussion als Performance für die Bühne betrachtet er als ein riesiges Feld, das noch gar nicht erforscht ist: „Da ist noch viel Pionierarbeit zu leisten.“ Für Hahn ist dabei auch die Ästhetik der Bewegung wichtig. „Body Percussion ist per se eine visuelle Kunst.“

Wie zu vielen chormusikalischen Themen gibt es auch zu Body Percussion einen Ansatz aus Dänemark – so von Jim Daus Hjernøe, Chorprofessor an der Royal Academy of Music. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Methodik „The Intelligent Choir“ mit „Kucheza“. Das Wort stammt aus der afrikanischen Sprache Swahili und bedeutet wörtlich übersetzt „Spielen & Tanzen“. Stimme, Körper, Rhythmus und Improvisation sollen Eins werden: „I am music!“.

Mit dem Body Rhythm Festival findet in Hamburg jährlich Deutschlands einziges internationales Festival für Body Percussion, Stimme und Bewegung statt. Dieses Jahr vom 7.-10. Juni 2019 mit u. a. 10 internationalen Dozenten, 40 Workshops, 3 Konzerten und ca. 150 Teilnehmern aus über 20 Ländern.

Workshops und mehr

23.02. Berlin, Bodypercussion mit Körper und Stimme
Workshop mit der Vocal Band SLixs im Rahmen von Chor@Berlin
www.choratberlin.de

15.03. Königsbronn, Alles ist zum Trommeln da!
Workshop mit Richard Filz und Janice Höber
www.rhythm-one.com

7.-10.06 Hamburg, Body Rhythm Festival
Deutschlands einziges internationales Festival für Bodypercussion, Stimme und Bewegung mit Workshops und Konzerten
www.bodyrhythm.de

Literatur

Richard Filz: Body Hits and Beats, RhythmOne, 2018
Richard Filz: Rhytm Start-Ups für Chor und Klasse, Helbling, 2014
Ulrich Moritz, Heike Trimpert: Rhythm Songs, Helbling, 2018
Gerhard Reiter: Body Percussion 1/2, Helbling, 1998/2011
Maurizio Trové: Bodypercussion, Academia, 2014
Dietrich Wöhrlin: Rhythmik und Bodypercussion, Codamusic, 2007
Jürgen Zimmermann: Juba – Die Welt der Körpercussion, Fidula, 1999

Artikel von Nina Ruckhaber, geschrieben für die Chorzeit – Das Vokalmagazin, Ausgabe Februar 2019