Ein Chor als Welt im Kleinen – Interview Ilka Seifert

Ein Chor als Welt im Kleinen – Interview Ilka Seifert

Vom 28.-31. Juli 2022 findet erstmals in Fürstenfeldbruck ein neues Chorfestival statt: vokalSinn. „Chormusik anders Denken“ haben sich die Macher:innen auf die Fahnen geschrieben. Sinn(e) & Vokalmusik in 6 hochklassigen Konzerten & 6 inspirierenden Workshops

Die Konzert-Dramaturgin Ilka Seifert bietet im Rahmen des Festivals eine Masterclass zum Thema Konzertdesign an. Ich habe mich mit ihr dazu unterhalten.

Nina Ruckhaber: Sie haben in den letzten Jahren viele installative Konzertformate und spannende Konzertperformances entwickelt. Worin liegt für Sie persönlich der Reiz, sich mit musikalischen Werken so detailliert für die Bühne auseinanderzusetzen?

Ilka Seifert: Für mich steht das besonders intensive Konzerterlebnis im Ausgangs- und Mittelpunkt meiner Arbeit als Konzertdesignerin. Es geht dabei darum, auch für ein mit den Ritualen des Konzertbetriebs der „klassischen“ Musik nicht vertrauten Publikum künstlerisch zu formulieren, was diese Musik bzw. das jeweilige Programm mit den Hörenden zu tun haben könnte. Warum sollte jemand sich gerade für diesen Konzertabend entscheiden? Das ist für mich keine Frage des Marketing, sondern eine des Inhalts. Gleichzeitig versuche ich, das, was ich subjektiv als den besonderen Wert der vorgetragenen Musik erkenne, besonders herauszustellen. Die Mittel für diese beiden Ziele können von Konzert zu Konzert sehr unterschiedlich sein und die Musik ist es ja in der Regel auch. Für mich wird es also nie langweilig.

Im Rahmen des vokalSinn-Festivals bieten Sie zusammen mit Prof. Andreas Herrmann die Masterclass „Lichtgestalten“ als Dirigier- und Konzertdesignkurs an. Worauf dürfen sich die Teilnehmenden freuen?

Im Zusammenspiel der Architektur, also der vorgegebenen Räumlichkeiten mit der ausgewählten Musik möchte ich mit den Teilnehmer:innen der Masterclass einen Parcour für den Projektchor entwerfen, der uns für die einzelnen Stücke an verschiedene Stationen führt und das Publikum einlädt, uns buchstäblich zu folgen. Das musikalische Programm dreht sich um Lichtgestalten, um Engel also, und wir wollen wir dafür auch das Licht gestalten …

Sie haben bereits mehrere Produktionen mit Chören gestaltet. Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit Chorsänger:innen besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben?

Für mich stellt ein Chor so etwas wie die Welt im Kleinen dar: Es gibt die Begeisterungsfähigen, die Skeptischen und die, die sich zwischen diesen beiden Polen je nach der stärkeren Zugkraft ausrichten. Ein singendes Ensemble, das seine Positionen im Raum verändern kann, ist eine sehr starke Kraft und anders als mit vielen anderen Instrumenten können sich die Chorsänger:innen relativ frei bewegen. In den beiden letzten Projekten mit großen Chören gerade in den letzten Wochen spielte die Immersivität eine besondere Rolle. Welche Nähe zwischen den Mitwirkenden und dem Publikum lässt sich herstellen? Ob das HUMAN REQUIEM mit dem Rundfunkchor Berlin (gerade in der Liederhalle in Stuttgart) oder die ZEIT.DIMENSIONEN mit dem Chor der Kantor:innen im Bunker Valentin in Bremen – in beiden Fällen waren es starke eindrückliche Begegnungen in beide Richtungen.

Wenn Sie ein musikalisches Werk frei wählen dürften, welches Werk würden Sie gerne in der Zukunft designen?

Ich designe keine Werke, sondern Konzert(format)e. Den Begriff Konzertdesign haben wir irgendwann mal gewählt, weil er sich von der „Dramaturgie“ frei macht und viel umfassender ist, also neben der musikalischen Programmauswahl auch den Raum, das Setting, das Licht, den Kontext, andere Medien und Künste usw. miteinbeziehen kann.

In den letzten Jahren hat sich für ich in der Rückschau gezeigt, dass ich die Kombination aus Zeitgenössischer und Alter Musik fast immer als sehr anregend erlebe. Werke aus einer jeweils anderen Perspektive zu hören, verleiht meist beiden Musikrichtungen wechselseitig eine größere Plastizität. Als nächstes werde ich mich mit Buxtehudes „Das Jüngste Gericht“ beschäftigen und einen Komponisten dazu einladen, seinen zeitgenössischen Blick darauf musikalisch zu formulieren.

Chorfestival vokalSinn: 28.-31. Juli 2022, Veranstaltungsforum Fürstenfeld

Foto Ilka Seifert © Folkert Uhde