ONAIR: Identity

ONAIR: Identity

Es ist immer das Selbe: Wenn ONAIR eine neue CD herausbringt, muss ich das Booklet lesen, um zu wissen, welche Songs Eigenkompositionen und welche gecovert sind – denn alles klingt … nun ja: so sehr nach ONAIR, halt! Ein ganz spezifischer und faszinierender Zauber liegt auf ihren Arrangements, auf ihrem Sound, ihrem Style.

Dabei ist es diesmal fast einfach: Elf der 12 Titel auf Identity sind Cover, maßgeschneiderte Arrangements aus der Runde der aktuellen und ehemaligen Bandmitglieder. Aber wie unfassbar gekonnt die aus sehr unterschiedlichen Universen stammenden Original-Songs jeweils auf den Sound des Ensembles arrangiert wurden, beweist direkt der Opener: Swan Song (Dua Lipa) öffnet die Tür zu einer überwältigenden Klangwelt, in der außer ONAIR in Deutschland zur Zeit niemand so selbstbewusst und selbstverständlich unterwegs ist. Ganz großes Kompliment an die Sänger:innen, den Arrangeur André Bachmann – und natürlich an den legendären Bill Hare für Mix und Master.

Es folgt mit Identity die einzige „eigene“ Nummer der CD, von Patrick Oliver und Stefan Flügel gemeinsam mit Karlie Apriori und Tom Deininger geschrieben: ONAIR-Sound in Reinkultur, den ich seit Illuminate so liebe. Gute-Laune-Musik gibt‘s mit Chained to the Rhythm; für ein ONAIR-Cover erstaunlich an Katy Perrys Original orientiert, allerdings um ein paar Pop-Culture-Easter-Eggs erweitert.

Und so reihen sich Songs aneinander, deren ursprüngliche Versionen man kaum hintereinander hören würde: Rufus Wainwright, Radiohead, Peter Gabriel, Muse, Tori Amos … Wobei: Für die Tori-Amos-Nummer (eigentlich: Baker Baker) haben sich ONAIR bei der im besten Sinne eigensinnigen Nachdichtung Vater des früh verstorbenen Gerhard Gundermann bedient – vielleicht kein Glücksgriff, denn die atemberaubend authentische Brüchigkeit des Originals lässt sich eher schlecht mit dem Perfektionismus der Berliner versöhnen.

Das klappt mit der folgenden Nummer deutlich besser: Dwa Serduszka ist ein sehr berührendes, von Stefan Flügel stimmig arrangiertes polnisches Volkslied, das Marta Helmin die Gelegenheit gibt, in ihrer klangvollen Muttersprache zu singen.

ONAIR werden mit ihrem frischen Longplayer den Erwartungen auch der verwöhntesten Fans mehr als gerecht! Meine Empfehlung an alle: Diese CD bitte mit Kopfhörern hören, um alle Feinheiten der Arrangements und der Produktion in vollen Zügen genießen zu können. Und für alle Freunde des bewegten Bildes: Die Songs Identity, Oceans und Music Was My First Love präsentiert das Quintett bereits mit sehenswerten Videos von Carsten Gerlitz im Netz.

Electrola, 54:51 min

Ensembleklang: 5 von 5 Sternchen
Interpretation: 5 von 5 Sternchen
www.onaironline.de

Rezension geschrieben für die Chorzeit – das Vokalmagazin, Dezember 2021