CD-Rezension Of Cabbages And Kings: AURA

<span>CD-Rezension</span> Of Cabbages And Kings: AURA

Die Kölner A-Cappella-Formation „Of Cabbages and Kings“ bezeichnet die Musik ihres im Dezember 2018 vorgelegten Debüt-Albums selbst als „Neo A Cappella“. Die vier Frauen – allesamt studierte Sängerinnen und jeweils auch als Solokünstlerinnen unterwegs – lernten sich im Vokalensemble des Bundesjazzorchesters kennen und gründeten 2015 dieses sehr besondere Quartett, das seinen Namen (dt. „Von Kohl und Königen“) einem Gedicht von Lewis Carroll aus Alice im Wunderland verdankt. Dessen Talent für das Fantastische, Assoziative, das Unerwartete und Unerwartbare teilen die Sängerinnen offenbar: Das musikalische Geschehen auf „Aura“ spannt einen weiten Bogen von Soulpop zu zeitgenössischem Jazz, nutzt Ensemble- und Sologesang ebenso wie das gesprochene Wort, stellt Durchkomponiertes neben freie Improvisation – und fordert vom Hörer eine gehörige Portion Abenteuerlust!

Auf insgesamt 11 Tracks präsentieren die Vier ausschließlich eigene Arrangements und, abgesehen von zwei recht frei interpretierenden Coversongs, Eigenkompositionen und Vertonungen literarischer Texte (Brecht, Kaléko, Shakespeare …). Zum Einstieg haben sie mit „Overcome“ ein Cover der englischen Soulsängerin Laura Mvula ausgewählt, und dieses Arrangement erfüllt vielleicht noch am ehesten die Erwartungen, die das „normale“ A-Cappella-Publikum an einen Song hat – wenngleich schon hier die gelassene, fast sanft erzählende Grundhaltung auffällt, die vielleicht so etwas wie ein Markenzeichen des Quartetts ist. „Do not as I do“ der norwegischen Multi-Instrumentalistin Hanne Hukkelberg ist der zweite Coversong auf „Aura“: Akzentuierte Laute und Atemgeräusche abseits jeglicher Vocal-Percussion-Klischees erzeugen einen pulsierenden Rhythmus, auf dem sich das melodische und harmonische Geschehen der Strophen entwickelt. Ein vermutlich in Teilen improvisierter polyphoner Exkurs schließt sich an, bevor das Stück mit einer Wiederholung des tatsächlich recht konventionell gesetzten Refrains endet. Nicht zuletzt dieser kreative Umgang mit dem Ausgangsmaterial macht „Of Cabbages and Kings“ zu einem der spannendsten Ensembles der Gegenwart.

In ihren Eigenkompositionen erzeugen Veronika Morscher, Sabeth Pérez, Rebekka Ziegler und Laura Totenhagen Klänge, die alles andere als alltäglich sind und in ihrer harmonischen Komplexität so manchen A-Cappella-Hörer überfordern dürften. Dass diese Klänge trotz der sehr zurückhaltenden Produktion mit den weitgehend naturbelassenen Stimmen funktionieren, spricht für das gesangliche Niveau der Künstlerinnen.

Die Wortkreation „Neo A Cappella“ erhält mit dieser CD tatsächlich ihre Berechtigung – der Mut, sich a cappella so frei zu entfalten und die musikalischen Ausdrucksmittel der A-Cappella-Musik so kreativ auszuweiten, ist mir bisher noch nicht begegnet.

KLAENGrecords, 33:48 Min
www.musicofcabbagesandkings.de

Ensembleklang: 5 von 5 Sterne
Interpretation: 5 von 5 Sterne
Repertoirewert: 4 von 5 Sterne

Rezension von Nina Ruckhaber, geschrieben für die Chorzeit – Das Vokalmagazin, Ausgabe 3/2019