Badische Zeitung „Die Männerchöre sterben ab“

<span>Badische Zeitung</span> „Die Männerchöre sterben ab“
Helmut Schubach ist Projektleiter für die nationale Olympiade der Chöre. Foto: Jan Karow. hello@careaux.de

Der 10. Deutsche Chorwettbewerb findet vom 5.-13. Mai in Freiburg statt. Mit dem Projektleiter Helmut Schubach vom Deutschen Musikrat unterhielt sich Alexander Dick von der Badischen Zeitung.

BZ: Wettbewerbe gibt es zuhauf, auch in der Musik. Kritische Stimmen fragen indes: Passen Musik und Wettbewerb zusammen? Was sagen Sie dazu?
Schubach: Darüber kann man vorzüglich streiten (lacht). Wie immer im Leben gibt es Dinge, die dafür und dagegen sprechen. Ich finde, es gibt gute Gründe, an einem Wettbewerb teilzunehmen, und das berichten auch immer wieder Teilnehmer. Nämlich, dass sie durch diese Fokussierung auf das Wettbewerbsprogramm auf einem anderen Niveau singen als früher. Das ist ein sehr positiver Effekt, unabhängig von der Frage, wie man letztlich beim Wettbewerb abschneidet. Nicht dass man am Wettbewerb teilnimmt, um erster zu werden. Die werden meist auch nicht erster.

BZ: Sie begleiten den Wettbewerb schon seit fast 30 Jahren. Wie hat sich denn das Niveau in der Zeit entwickelt?
Schubach: Unterschiedlich. Die größte Veränderung gibt es bei der von uns 1990 eingeführten Kategorie Pop, Jazz et cetera. Damals war da das Niveau noch sehr niedrig. Seither haben wir von Wettbewerb zu Wettbewerb eine Steigerung erreicht. Bei den anderen Kategorien gibt es sicher auch Steigerungen, doch die fallen naturgemäß nicht so groß aus wie bei der neu eingerichteten Kategorie.

BZ: Man sagt den Deutschen große Freude am Chorgesang nach; im 19. Jahrhundert gab es die berühmten – freilich politisch motivierten – Chorfeste. Die Chorlandschaft hat sich seither sehr verändert, der klassische Gesangverein gilt gerade den Jüngeren nicht mehr so attraktiv. Wurde das denn durch andere, neue Chöre aufgefangen?
Schubach: Die aktuelle Statistik vom deutschen Chorverband ist mir jetzt nicht präsent, aber es gibt einen deutlichen Rückgang bei den Männerchören. Dafür gibt es neue Gründungen im Bereich Kinderchöre, Jugendchöre, Frauenchöre. Insgesamt wird die Anzahl der Chorsänger, glaube ich, ähnlich bleiben, aber es verschiebt sich hin zu anderen Kategorien. Die Männerchöre sterben ab…

BZ: …die Männer sind auf den Fußballplatz abgewandert?
Schubach: (lacht) Bei mir im Dorf sucht der Männerchor auch schon seit Jahren händeringend neue Sänger. Dementsprechend steigt das Durchschnittsalter.

BZ: In Freiburg gehen 130 Chöre mit 5000 Sängerinnen und Sängern an den Start. Wie wurden die ausgewählt?
Schubach: In allen 16 Bundesländern gibt es vorher einen Landeswettbewerb; Die Sieger kommen automatisch zum Bundeswettbewerb. Eine Vorauswahl, ähnlich wie bei „Jugend musiziert“.

BZ: Stichwort „Jugend musiziert“: Kritiker merken an, dass die Teilnahme abnimmt – wegen erhöhter schulischer Belastung an Nachmittagen und einer generellen Zurückdrängung musischer Fächer. Spürt man das auch im Bereich Gesang?
Schubach: Auf Bundesebene merken wir den Trend noch nicht. Aber auf der regionalen Ebene merkt man es schon, das weiß ich auch von einigen Schulchorleitern. Die fortschreitende Individualisierung der Leute tut ein Übriges dazu.

BZ: Was erwarten Sie sich mit Blick auf den bevorstehenden Wettbewerb an Anregungen für den Chorgesang?
Schubach: Zunächst mal: Es ist für jeden einzelnen Sänger oder jede Sängerin ein Erlebnis, dabei zu sein. Und man muss die Augen und Ohren offenhalten. Wir können aber schlecht eine Begegnung verordnen. Begegnen und auch lernen muss man selber in die Hand nehmen. Der Chorleiter ist gut beraten, mit seinem Chor auch über die Ergebnisse zu sprechen. Warum wurde etwas so gesungen? Oder warum wurde es anders gesungen? Viele Chorleiter machen das auch.

BZ: Wie setzt sich die Jury zusammen?
Schubach: Immer fünf Leute aus dem jeweiligen Bereich – Hochschulprofessoren, anerkannte Fachleute aus dem In- und Ausland. Damit auch das Urteil der Jury akzeptiert wird. Bisher hatten wir da wenig Probleme. Ein wichtiger Aspekt ist auch immer das Beratungsgespräch für die Dirigenten und wird gerne angenommen.

BZ: So ein Wettbewerb ist nicht zuletzt ein geballter logistischer Akt. Wie funktioniert das in Freiburg?
Schubach: Freiburg ist wirklich ein idealer Austragungsort. Weil es genügend hervorragende Räume gibt für die Wertungen, es gibt sehr gute Räume für das Rahmenprogramm, die Stadt ist einfach schön – nicht zu groß, nicht zu klein. Wenn man ein Haar in der Suppe finden will, dann ist es halt zu weit im Südwesten für die, die aus dem Norden kommen.

BZ: Sie waren auch schon in Kiel…
Schubach: (lacht) Eben, der Wettbewerb wandert ja durch die Republik und ich bin froh, dass wir hier sein dürfen. Dass der Ort nicht so ganz falsch sein kann, zeigt ja auch die Tatsache, dass die Kollegen vom Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ in zwei Jahren wieder hier sein werden.

Helmut Schubach (Jahrgang 1960) studierte Musikwissenschaft, Pädagogik, Ethnologie an der Uni Bonn sowie Instrumentalpädagogik in Detmold. Seit 1993 Leiter der Förderprojekte Deutscher Chorwettbewerb und Deutscher Orchesterwettbewerb beim Deutschen Musikrat.
Foto: Helmut Schubach ist Projektleiter für die nationale Olympiade der Chöre. (Jan Karow, hello@careaux.de)